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Lifestyle
22.10.2021
22.10.2021 08:59 Uhr

Gisela Föllmi bricht das Schweigen und bringt ein Buch heraus

Gisela Föllmi: «Noch heute begleiten mich täglich Schuldgefühle.»
Gisela Föllmi: «Noch heute begleiten mich täglich Schuldgefühle.» Bild: Silvia Camenzind
Gisela Föllmi, Einsiedeln, wurde als Kind missbraucht. Nun fasst sie das Unsagbare in einem Buch in Worte.

Gisela Föllmi, heute 57 Jahre alt, wurde in ihrer Kindheit schwer missbraucht. Sie war sieben Jahre alt, als sie das erste Mal von ihrem Stiefvater an einen Mann verkauft wurde. Der Stiefvater war EDV-Spezialist, der Mann sein Angestellter. Gisela musste ihr schönes Kleid anziehen, um es Minuten später wieder abzulegen. Der fremde Mann begleitete sie ins Badezimmer des Büros, wo sie sich in die Badewanne stellen und von ihm missbrauchen lassen musste. So wurde die kleine Gisela zum Lohnbestandteil. Es kamen Übergriffe von weiteren Männern dazu, auch vom Stiefvater – und das über Jahre hinweg.

«Das Schweigen brechen» von Gisela Föllmi ist im Wörterseh-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich. Bild: zvg

Mutter liess sie sterilisieren

Sie konnte sich nicht wehren, auch nicht gegen ihre Mutter. Um weiterleben zu können, spaltete die kleine Gisela die Erlebnisse von sich ab – verdrängte sie. Erst vor zehn Jahren begann sich Gisela Föllmi zaghaft wieder zu erinnern, und erst im vergangenen Jahr wagte sie, alles aus dem inneren «Schlimme-Dinge-Schrank» zu holen. Sie schaffte es, das Erlebte aufzuschreiben.

In Grau unterlegten Stellen beschreibt sie in ihrem Buch detailliert die schwere Gewalt, die ihr angetan wurde. Wer das nicht erträgt, sollte diese Stellen überspringen. Nun, da das Buch «Das Schweigen brechen» veröffentlicht ist, fühlt sich Gisela Föllmi, die heute mit ihrem Mann in Einsiedeln wohnt, von Tag zu Tag etwas leichter. Aber das Erlebte hat ihr Leben geprägt. Ihr Buch zeigt drastisch auf, wie sie als Kind und Jugendliche missbraucht wurde.

Beitrag auf TeleZüri

«Jetzt muss ich das Erlebte nicht mehr alleine tragen.»
Gisela Föllmi

Können Sie heute gut schlafen?

Ich habe jede Nacht Alpträume. Ich erwache fast jede Nacht mit Panikattacken. Ohne Schlafmittel kann ich fast nicht schlafen.

Als Kind wurde Ihnen ständig Schuld aufgeladen. Die Eltern sagten: «Du bist schuld. Wegen dir müssen wir das jetzt machen.» Hätten Sie sich damals wehren können?

Nein, da kommt man nicht raus. Noch heute begleiten mich täglich Schuldgefühle. Pralle ich heute aus irgendeinem Grund wegen einer Kleinigkeit mit jemandem zusammen, suche ich die Schuld immer bei mir. Für mich war immer klar, dass ich schuld war.

Die Mutter liess Sie ohne Ihr Wissen mit 14 Jahren sterilisieren. Niemand sprach mit Ihnen darüber. Wie konnte ein Arzt so etwas tun?

Das kann ich mir nicht erklären, denn Ärzte leisten den hippokratischen Eid zum Wohle kranker Menschen. Eine Sterilisation bei einem gesunden Mädchen und ohne dessen Wissen ist eine schwere Verletzung dieses Eides und eine Straftat. Ich mutmasse, dass sich die entsprechenden Kreise damals finden liessen. Aber ich betone: Es ist eine Mutmassung.

Im Buch erfährt man von Ihrem Kampf, das alles aufzuarbeiten und niederzuschreiben. Wie sah dieser aus?

Jeder Text, der im Buch steht, ist ein Wiedereintauchen in die Erinnerung mit allen Sinnen. Man spürt, man riecht, man fühlt alles. Es kostete viel Kraft, schlaflose Nächte und zudem 15 Kilogramm Gewichtsverlust in einem halben Jahr. Es war kräftezehrend.

Was raten Sie von Missbrauch Betroffenen?

Sprechen Sie! Egal mit wem. Man muss nicht, wie ich, in die Öffentlichkeit gehen. Jede und jeder soll seinen Weg finden. Nach einem Missbrauch alles mit sich selber ausmachen zu wollen, macht einen kaputt.

Vollständiges Interview im «March-Anzeiger», im «Höfner Volksblatt» und im «Bote der Urschweiz» zu lesen.

 

Silvia Camenzind, Bote der Urschweiz