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Pfäffikon
08.10.2021

Der Nothelferkurs für die Psyche

Einblicke in den ensa Kurs am BBZP: Instruktorin Gabriela Beer erklärt die fünf Schritte der Ersten Hilfe am Fallbeispiel «Dave».
Einblicke in den ensa Kurs am BBZP: Instruktorin Gabriela Beer erklärt die fünf Schritte der Ersten Hilfe am Fallbeispiel «Dave». Bild: Mia Jule Hähni
Am Sonntag ist der Welttag der psychischen Gesundheit. Psychische Erkrankungen sind viel weiter verbreitet, als die Allgemeinheit vermutet. Ensa Erste-Hilfe-Kurse helfen Laien auf Betroffene zuzugehen. Einen solchen Kurs gibt es auch am Berufsbildungszentrum in Pfäffikon.

Neun von zehn Personen kennen jemanden, der psychische Probleme hat. Jeder zweite Mensch in der Schweiz erleidet einmal im Leben eine psychische Erkrankung. Tatsache ist: Psychische Belastungssituationen erleben wir immer wieder im Verlauf unseres Lebens. Um auf die psychische Gesundheit von Menschen aufmerksam zu machen, findet jährlich am 10. Oktober der Welttag der psychischen und seelischen Gesundheit statt. Dieser Aktionstag wird von der World Federation for Mental Health und der Weltgesundheitsorganisation ausgerufen. An diesem Tag wird über psychische Krankheiten informiert und Solidarität für Betroffene und Angehörige ausgedrückt.

Erste Hilfe ist wichtig

Die aktuelle Zeit fordert viele persönliche Ressourcen und kann das psychische Wohlbefinden tangieren. So wird die psychische Gesundheit zu einem lebenslangen Balanceakt. Betroffene erhalten oftmals keine professionelle Hilfe, da sie schweigen, weil psychische Erkrankungen immer noch stigmatisiert werden. Deshalb ist es wichtig, dass psychische Probleme bei Angehörigen, Freunden oder Arbeitskollegen rechtzeitig erkannt werden und Hilfe angeboten wird. Denn je mehr Zeit vergeht, desto grösser wird der Leidensdruck der Betroffenen.

Unbestritten ist, dass es uns allen nützt, wenn jeder, der auf der Strasse unterwegs ist, über einen Nothelferausweis verfügt. Genauso sollte man in alltäglichen Situationen bei psychischen Problemen Erste Hilfe leisten können. Denn im Gegensatz zur Ersten Hilfe auf der Strasse geht es im Alltag meist nicht um Unfälle, sondern um sich langsam verschlechterndes psychisches Befinden. Der Ensa-Kurs (siehe Box) ist Gegenstück zum Erste-Hilfe-Kurs für den Führerausweis. Quasi ein Nothelferkurs für die Psyche.

Ensa-Kurs am BBZ in Pfäffikon

Am Berufsbildungszentrum in Pfäffikon (BBZP) findet momentan ein solcher Ensa-Kurs statt. Dieser mit dem Fokus auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen. Rektor Roland Jost berichtet, dass bei Lernenden des Berufsbildungszentrums vermehrt psychische Probleme aufgetreten seien. An einer Tagung vonGesundheit Schwyz wurde man auf das Programm Ensa aufmerksam und entschied, dass man den Kurs als interne Weiterbildung am BBZP anbieten möchte. Ziel sei, dass Lehrpersonenpsychische Schwierigkeiten von Lernenden schneller erkennen können und so zeitnah reagiert werden kann. «Zusätzlich wird das Wissen der Lehrpersonen über die psychische Gesundheit erweitert und stärkt nicht zuletzt auch sie selbst», fügt der Rektor an.

Erfreulicherweise zeigen erste Rückmeldungen, dass sich die Lehrpersonen nach dem Kurs kompetenter fühlen und besser auf Krisen reagieren können. Zusätzlich werde das Thema «Psychische Erkrankungen» durch den Kurs weniger tabuisiert und es kann offener damit umgegangen werden. Wenn es der Gesellschaft gelingt, ein Klima der Offenheit zu schaffen, in dem psychische Belastungen kein Tabu sind, ist ein wesentlicher Schritt getan.

Lehrpersonen des BBZP erweitern durch den Besuch der Erste-Hilfe-Kurse ihr Wissen und werden nicht zuletzt auch selbst gestärkt. Bild: Mia Jule Hähni

«Nichts tun ist immer falsch»

Es darf nicht vergessen werden, dass Belastungen zum Leben dazu gehören. Nicht jede Schwierigkeit führt direkt zur psychischen Erkrankung und nicht jeder Mensch braucht eine Therapie. Ersthelfer können die Belastung meist bereits mit einem einfühlsamen Gespräch reduzieren. «Wichtig ist, dass sich Ersthelfende bei der Hilfeleistung gut fühlen. Erste Hilfe kann auch heissen, seine eigenen Grenzen zu spüren und dafür zu sorgen, dass andere Personen der betroffenen Person helfen können. Man kann nichts Falsches tun. Nur gar nichts zu tun, ist falsch» sagt Instruktorin Bianca Indino abschliessend. Ensa leistet einen Beitrag zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen und befähigt die Gesellschaft zur psychischen Ersten Hilfe.

Das Projekt Ensa

Ensa ist die Schweizer Version des australischen Programms «Mental Health First Aid». Das Projekt Ensa stammt von der Pro Mente Sana Stiftung und wurde mithilfe der Beisheim Stiftung ins Leben gerufen und finanziert. Mithilfe von Ensa Erste-Hilfe-Kursen lernen Laien, auf Personen mit psychischen Schwierigkeiten zuzugehen und Erste Hilfe zu leisten. Sie unterstützen Personen in Krisen und begleiten diese, bis professionelle Hilfe übernimmt. Ensa-Ersthelfer werden zu einem Bindeglied zwischen Betroffenen und Profis.

Bianca Indino und Gabriela Beer sind Ensa-Instruktorinnen und bilden Interessierte in vier Kursteilen zu Ersthelfern aus. In jeder Session wird Grundwissen über spezifische psychische Probleme erworben. Nebst dem theoretischen Wissen werden auch die praktischen Kompetenzen in interaktiven Übungen geübt. «In Ensa-Kursen wird man nicht dazu ausgebildet, Laiendiagnosen zu stellen. Man dient lediglich als Unterstützung und ermutigt Betroffene zu professioneller Hilfe», erklärt Bianca Indino.

Wenn es Menschen in unserem Umfeld nicht gut geht, fehlen uns oftmals die Worte und die Sicherheit, dass wir das Richtige tun. Ensa will gegen diese Unsicherheit ankämpfen und Kursteilnehmer ermutigen, auf Betroffene zuzugehen und Probleme anzusprechen. 

Mia Jule Hähni, Redaktion March24 & Höfe24