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Lifestyle
28.09.2021

Nervenkitzel gesucht - «Ich rannte oft um mein Leben»

Der Lachner Wilf Seifert führte ein abenteuerliches Leben.
Der Lachner Wilf Seifert führte ein abenteuerliches Leben. Bild: zvg
Der 82-jährige Wilf Seifert aus Lachen kann auf ein abenteuerliches Leben zurückblicken. Er hatte in Südafrika eine Schlangenfarm, zog Baby-Krokodile im Bett auf und reiste mehrmals um die ganze Welt.

Ich habe ein spannendes Leben hinter mir», erzählt Wilf Seifert. «Aber bedenken Sie bitte: Wir sprechen hier von acht Jahrzehnten; das ist eine lange Zeit.» Seifert ist mehrmals um die Welt gejettet, hat internationale Schiffsreisen auf Frachtern und Luxuslinern absolviert sowie 15 Jahre in Südafrika gelebt. Seit knapp 30 Jahren lebt er nun in Lachen. «Es ist ein sehr schöner Ort», lobt der Kosmopolit. Für ihn ist Heimat dort, wo er sich wohlfühlt. Der gebürtige Deutsche kennt die meisten Metropolen auf dem Globus, hat heute aber «keine Sehnsucht mehr nach solchen wuseligen Städten.» Wilf Seifert ist 1938 in Posen-Westpreussen nahe der polnischen Grenze geboren. Als Kind zog er mit seiner Mutter nach Berlin, wo er Lehren als Schrift- und Maschinensetzer abschloss. Seine erste Frau Irene heiratete er mit 21 Jahren. Schon bald zog ihn die Abenteuerlust nach Südafrika; seine Frau folgte ihm drei Monate später. In Johannesburg fand er Jobs bei afrikaans- und englischsprachigen Publikationen.

Wilf Seifert wohnt seit fast 30 Jahren in Lachen. «Heimat ist für mich da, wo ich mich wohlfühle», sagt der Kosmopolit. Bild: Heidi Peruzzo

Später arbeitete der Deutsche bei verschiedenen Zeitungen als Journalist und Fotoreporter. Sein Fachgebiet war die Transportlogistik. Schon bald schrieb er auch Wildnis-Reportagen, die ihn quer durchs südliche Afrika führten. Es war wohl Schicksal, dass er sich bei einer Reportage mit dem Direktor des Transvaal Snake Park anfreundete. «Der hatte mir spontan eine Ausbildung angeboten. So lernte ich, Schlangen zu fangen, zu pflegen und zu melken. Aus dem gewonnenen Gift wurde Antiserum produziert.» Seine Leidenschaft für Reptilien war geweckt. «Schlangen sind faszinierende Wesen», schwärmt Seifert. «Sie bewegen sich und erklimmen Bäume ohne Beine, riechen ohne Nase und hören ohne Ohren – eine Welt für sich.»

««Schlangen sind faszinierende Wesen: Sie bewegen sich und erklimmen Bäume ohne Beine, riechen ohne Nase und hören ohne Ohren.» »
Wilf Seifert, Kosmopolit

Eigene Reptilienfarm gebaut

Im Tal der Tausend Hügel in der südafrikanischen Provinz KwaZulu/Natal vermittelte ihm die regionale Naturschutzbehörde ein grosses Grundstück, auf dem er eine Schlangenfarm für Touristen, aber auch für Studien und Feldforschung aufbauen konnte. Für sein Serpentarium realisierte er mit drei Zulu-Angestellten den Bau von 19 Schaugefässen aus Beton und sechs Freianlagen. Die rund 2500 Schlangen und anderen Reptilien fing Seifert überwiegend selbst. In den Freianlagen hielt er auch Leguane und Krokodile. Die Baby-Krokodile zur Nachzucht fing er auf seinen Streifzügen durch die Wildnis. Es kam vor, dass er diese sensiblen, in Tücher gewickelten Winzlinge in seinem Bett wärmte, da die Farm ohne Elektrizität war und es in Winternächten recht kühl wurde.

««Das Leben im Tal der tausend Hügel war sehr einsam. Vor allem, wenn nach Einbruch der Nacht nur noch Trommeln und Gesänge zu hören waren.» »
Wilf Seifert, Kosmopolit

Bis das Wohn- und Labor-Rundhaus fertiggestellt waren, lebte das Ehepaar im Caravan. «Wir waren mit wenigen Ausnahmen die einzige weisse Familie unter Hunderttausenden Zulus», schildert Seifert. Ihr Leben sei sehr einsam gewesen, «vor allem, wenn nach Einbruch der Nacht nur noch Trommeln und Gesänge zu hören waren.» Mit den Zulus habe er positive Erfahrungen gemacht, «solange man ihre Stammesrituale respektiert und sich nicht einmischt, wenn sie sich bei sogenannten Faction Fights mit knorrigen Knüppeln die Schädel einschlagen».

«Ich habe keinen Ärger gesucht»

Als seine schwangere Frau ihr Baby verlor und der behandelnde Spitalarzt andeutete, dass die permanente Angst um ihren Ehemann die Hauptursache gewesen sei, beschloss Seifert schweren Herzens, das Serpentarium aufzugeben. Das Ehepaar zog zurück nach Durban. Seifert stellt klar: «Ich habe nie Ärger gesucht, musste aber öfters vor Grosswild, aber auch kleineren gefährlichen Tieren wie Leoparden, Tüpfelhyänen und Pavianen um mein Leben rennen.»

Seifert erlebte viele brenzlige Situationen: Dazu zählten ein Flug durch die Ausläufer eines Taifuns vor Vietnam, eine Glatteislandung in Istanbul und ein Zyklon auf See vor Mauritius. In Saudi-Arabien wurde er wegen Fotografierens einer Brücke verhaftet; am malawischen Flughafen setzten Beamte ihn aufgrund seiner Pressekarte und Fotoausrüstung fest.

««Nervenkitzel ist mein Elixier. Da spürst du dein Leben, sonst schläfst du ein.»»
Wilf Seifert, Kosmopolit

Wegen Kühne+Nagel nach Lachen

1981 kehrten die Seiferts nach Hamburg zurück, wo er journalistisch arbeitete, bis er von Kühne+Nagel als Pressechef angeworben wurde. Für dieses Unternehmen und sein damals in 84 Ländern erschienenes zweisprachiges Hausjournal war er als Chefredaktor und -fotograf global unterwegs. Anlässlich des Umzugs der Konzernzentrale von Pfäffikon nach Schindellegi hatte ihn Klaus-Michael Kühne gebeten, seinen Arbeitsplatz in die Schweiz zu verlegen.

Seifert zog nach Lachen und heiratete hier - nach dem Tod seiner ersten Frau - Ende 1993 die Hamburgerin Ursula. Die gelernte Arzthelferin ist seit 14 Jahren in Teilzeit fürs Lachner Alters- und Pflegeheim Biberzelten tätig. Als Trauzeugen fungierten bei ihrer Hochzeit ein Feuerwehrkommandant und ein Polizeibeamter, beide Lachner in Dienstuniform.

Der umtriebige Senior war nach seinem Kühne+Nagel-Austritt bis zum 75. Lebensjahr als Schweiz-Korrespondent diverser in- und ausländischer Fachzeitschriften aktiv. «Meine fast 20 Jahre jüngere Frau sagt, sie sei froh, dass ich schon 82 Jahre zähle. Denn sonst wäre ich noch lebhafter.»

Heidi Peruzzo, Redaktion March24 & Höfe24