Home Region Sport Agenda In-/Ausland Magazin
Pfäffikon
02.10.2021

Peercoaching – was ist das?

Therapie-Art mit viel Potenzial: Peercoachings können drinnen oder draussen stattfinden.
Therapie-Art mit viel Potenzial: Peercoachings können drinnen oder draussen stattfinden. Bild: Erika Unternäher
Sybil Ulrich hat ihre Berufung gefunden. Seit Juli bietet sie in Pfäffikon ihre Dienste an. Sie erklärt, wie sie auf das Peercoaching aufmerksam geworden ist und welche Chancen diese Therapie-Art birgt.

Gute Therapeutinnen und Therapeuten wie auch Coaching-Angebote sind begehrt. Seit der Pandemie hat das Bedürfnis nach psychologischer Betreuung sogar noch zugenommen. Sybil Ulrich beobachtet eine beängstigende Entwicklung: «Eltern sehen keinen anderen Ausweg, als ihre Kinder in eine Klinik einzuweisen – aber die Plätze sind besetzt.» Die Pfäffikerin ist Peercoach und betreut vor allem junge Menschen, welche sich mit ihrer psychischen Krankheit im Leben nicht mehr zurechtfinden. 

Anders als die Berufe Psychologe, -Kinesiologin, Mentaltrainer etc. ist das Peercoaching vielen Frauen und Männern kein Begriff. «Das Peercoaching ist ein neues Berufsfeld, das sich hierzulande in den letzten Jahren immer weiterentwickelt hat», sagt Ulrich. So konnten Peercoaches vor einigen Jahren lediglich Vorträge an Schulen halten, heute arbeiten Peercoaches aber auch im klinischen Bereich. IV-Stellen in den Kantonen Schwyz, Bern und Graubünden bieten inzwischen Peer-Beratungen an. 

Sybil Ulrich ist seit 2015 Peercoach und arbeitet seit Juli selbstständig als Peer- und Ernährungscoach in Pfäffikon.  Bild: Erika Unternäher

Peercoaching: vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen

Doch wie unterscheidet sich das Peercoaching überhaupt von anderen therapeutischen Angeboten? «Peercoaches arbeiten mit Erfahrungswissen», erklärt Ulrich. Erfahrungswissen darum, weil Peers selber an einer psychischen Erkrankung gelitten, den Weg zur Gesundung aber gefunden respektive erfolgreich hinter sich gebracht haben. Dementsprechend sieht auch die Ausbildung zum Peercoach sehr anders aus als ein Psychologiestudium. «Während der Ausbildung gelangt man vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen», erklärt Ulrich. So lernte sie beispielsweise, was es bedeutet, mit einer Borderline-Störung zu leben und was Betroffenen geholfen hat, damit umzugehen. «Im Austausch teilen sich Peers die Übungen und Methoden mit, welche sie in der Therapie bei einer Psychologin oder einem Psychologen sowie durch angeeignetes Wissen erlernt haben», sagt die Pfäffikerin. 

Therapie auf Augenhöhe

Mit dem Peercoaching in Kontakt gekommen ist die heute 57-Jährige, als es ihr selbst sehr schlecht ging. Seit 2015 ist sie nach ihrer Ausbildung jetzt Peercoach. Bis Juni war Ulrich als Peer-Beraterin bei der IV-Stelle Chur tätig. Den Schritt in die Selbstständigkeit hat sie im Juli gewagt. In Pfäffikon arbeitet sie als Peer- und Ernährungscoach. Ein Coaching bei Ulrich erinnert nicht an eine Therapie als viel mehr an ein Gespräch unter Vertrauten. «Mit meinen Klientinnen und Klienten treffe ich mich da, wo es ihnen wohl ist.» Oft ginge Ulrich mit ihrer Klientin oder ihrem Klienten an die frische Luft, wobei man beim Spazieren miteinander redet.

«Viele Menschen stehen vor einer grossen Hemmschwelle, wenn es darum geht sich mit seinen Problemen an einen Psychologen zu wenden», sagt Ulrich. Beim Peercoach aber weiss man: Sie oder er haben die psychische Störung aus erster Hand erlebt. «Dieser Umstand kann die Angst mindern, missverstanden zu werden.» 

Erika Unternäher, Redaktion March24 & Höfe24