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Sport
23.09.2021

Ein bitterer Sieg für den Siebner Steher Giuseppe Atzeni

Die Enttäuschung ist Giuseppe Atzeni (r.) ins Gesicht geschrieben – trotz Sieg.
Die Enttäuschung ist Giuseppe Atzeni (r.) ins Gesicht geschrieben – trotz Sieg. Bild: Franz Feldmann
Der Traum einer zehnten Goldmedaille an einer Steher-Schweizermeisterschaft ist wegen zu wenig Teilnehmern geplatzt – vorerst.

Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Wie «der Teufel» ist der neunfache Schweizermeister und dreifache Europameister Giuseppe Atzeni aus Siebnen zuvor hinter seinem Schrittmacher Mathias Luginbühl gefahren – sein Sieg ist mit zwei Runden Vorsprung auf den zweitklassierten Reichenburger Jan Freuler überragend. Den letztklassierten Martin Ruepp hat er auf der Offenen Rennbahn Zürich Oerlikon gleich neunmal überrundet. Das Durchschnittstempo von knapp über 70 Kilometer pro Stunde war beeindruckend.

Sieg ohne Titel

Dennoch darf der Märchler Athlet keinen zehnten Schweizermeister-Titel mit nach Hause nehmen, sondern nur einen Sieg in einem «nationalen Rennen». Aus reglementarischen Gründen. Denn der Dachverband Swiss Cycling schreibt vor, dass für eine Wertung als Schweizer Meisterschaft mindestens sechs Athleten mit ihren Schrittmachern an den Start gehen müssen. Aber von vorne.

Die Schrittmacher fahren auf Motorrädern voran. Bild: Franz Feldmann

Schrittmacher gibt Taktik vor

Zu Beginn des Rennabends sieht alles nach einer Durchführung der Schweizermeisterschaft aus. Sechs Teilnehmer-Gespanne sind für das letzte der insgesamt acht Rennen aus verschiedenen Radsport-Kategorien gemeldet. Giuseppe Atzeni bereitet sich im Kabinenbereich vor, wirkt konzentriert, trotz der Anspannung gelassen. «Vor dem Rennen ziehe ich mich in der Regel zurück», erklärt er. Sein Schrittmacher Mathias Luginbühl leistet ihm Gesellschaft. Dieser wird später die Taktik im Rennen vorgeben. Denn er hat den Überblick über den Rennverlauf, die Positionen der anderen Fahrer. Atzeni wird sich in seinem Windschatten nur melden, wenn er das Tempo aus irgendeinem Grund drosseln oder erhöhen möchte.

Zusammenspiel entscheidet

Das Zusammenspiel zwischen Schrittmacher und Radfahrer ist elementar für den Erfolg in diesem Sport «Ihm vertraue ich blind», ergänzt Atzeni. Dies ist nötig, denn das Renntempo ist sehr hoch. 102 Kilometer pro Stunden sind die beiden im Training schon gefahren – beinahe am Limit der Bahn. Bevor sich der Siebner noch ein letztes Mal auf die Rollen begibt, gilt es die Startposition auszulosen. Giuseppe Atzeni zieht die Nummer drei – später wird er allerdings auf der zweiten Position starten.

 

Giuseppe Atzeni konzentriert in der Garderobe Bild: Franz Feldmann

Ein Sturz ändert alles

Während Giuseppe Atzeni sich in der Kabine immer mehr in sich selbst zurückzieht, immer fokussierter und konzentrierter wird, laufen draussen die Rennen weiter. Dominik Weiss sollte an diesem Abend sein erstes Steher-Rennen starten. Das Schicksal will es an diesem Dienstagabend anders. Kurz vor dem Steher-Rennen ist er im Punktefahren der U23-Elite gestartet – und stürzte als einziger. Eine Verletzung am Schlüsselbein führt ihn ins Spital und nicht an den Start der Steher. Somit sind die reglementarischen Bedingungen für eine Schweizer Meisterschaft nicht mehr gegeben.

«Was können wir anderen dafür?»

Einen Moment lang sieht es so aus, als wolle Giuseppe Atzeni nicht antreten. Der Frust sitzt tief. Das Fahrrad hat er bereits in Richtung Ausgang geschultert. Doch dann packt ihn das innere Feuer, das wird bis zum Ende des Rennens hoch lodern. Ein trotziger Triumph. Das Publikum ist auf seiner Seite, protestiert lautstark gegen den Entscheid der Veranstalter, das Rennen nicht als Schweizer Meisterschaft zu werten. Giuseppe Atzeni wirft bei der Siegerehrung die Frage auf: «Einer bricht sich vor dem Start das Schlüsselbein – was können wir anderen dafür?» Das Reglement bestraft die Fahrer, die angetreten sind. Diejenigen, die sich für den Sport eingesetzt haben. Der Frust bei Atzeni sitzt sichtlich tief.

Anschub für den Start Bild: Franz Feldmann

Das Zuschauerinteresse ist da

Auf Anfrage räumt Swiss Cycling ein, dass es nicht ideal sei, wenn wegen zu wenig Teilnehmenden kein Titel vergeben werden kann. Dies sei auch bei anderen Disziplinen der Fall, zum Beispiel bei Bahnrennen der Frauen. Gemäss Micha Jegge, Leiter Kommunikation, können so die Anwesenden immerhin ein Rennen bestreiten. Die Disziplin «Steher» habe eine lange Geschichte und es würden sich auf der Offenen Rennbahn jeweils viele Zuschauerinnen und Zuschauer einfinden. So war es auch vorgestern Abend: 470 Gäste waren anwesend, die Platzzahl war wegen der Pandemie auf 500 limitiert. «Grundsätzlich gehört ‹Steher› nicht zu jenen Disziplinen, welche von Swiss Cycling gefördert werden, weil diese Rennen weder olympisch sind noch an den Welt- und Europameisterschaften ausgetragen werden», betont Micha Jegge. Darum betreibe Swiss Cycling auch keine Nachwuchsförderung. Diese Förderung übernehmen Athleten wie Giuseppe Atzeni in Eigenregie. Der zweitplatzierte Jan Freuler wird von ihm unterstützt. Inwieweit eine Situation wie vorgestern Abend dazu taugt, den Nachwuchs für Steher-Rennen zu motivieren, steht auf einem anderen Blatt.

Neue Chance nächste Woche?

Eine Chance auf die Schweizer Meisterschaft der «Steher» gibt es nächste Woche noch einmal. Am kommenden Dienstag ist in Oerlikon ein weiteres Rennen geplant. Ob genug teilnehmen werden, ist allerdings noch offen. «Woher holen wir nun einen sechsten Fahrer?», wirft Atzeni auf der Bahn fragend in die Runde.

Franziska Kohler, Redaktion March 24 und Höfe 24