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15.07.2021
15.07.2021 10:41 Uhr

Was wusste die Regierung über die neuen HSG-Skandale?

Mit solchen Teslas wollte «Streez» durchstarten.
Mit solchen Teslas wollte «Streez» durchstarten. Bild: Archiv
Der Rorschacher Stadtparlamentarier Guido Etterlin möchte von der St.Galler Regierung wissen, was sie zu den neusten HSG-Schlagzeilen über einen verurteilten Controlling-Professor und das «problematische» Verhalten von Johannes Rüegg-Strum sagt.

Am 12. Juli 2021 wurde durch den «Tages-Anzeiger» publik, dass im April 2018 ein Controlling-Lehrbeauftragter der HSG wegen Misswirtschaft und Erschleichen einer Falschbeurkundung zu 300 Tagessätzen zu 240 Franken sowie 5'000 Franken Busse und zur Übernahme der Verfahrenskosten von 7'000 Franken verurteilt wurde. 

Gläubiger um Millionen geprellt

stgallen24 hat herausgefunden: Vor rund sechs Jahren stellte Unternehmer Herbert Märki aus Baden sein Projekt vor: In den grössten Schweizer Städten eine Flotte von insgesamt 700 weissen Teslas bereitzustellen, die von 2100 Chauffeurinnen betrieben werden und Interessierte herumkutschieren.

Im Hintergrund agierte HSG-Dozent Stefan Sander, der als Controlling-Fachmann eingespannt war und als Verwaltungsratspräsident amtete. Sein guter Ruf und sein Know-how sollten dem Start-up namens Streez die nötige Seriosität verleihen. Doch aus den Ideen des Aargauers ist nichts geworden, die Firma ist pleite, Gläubiger wurden in zweistelliger Millionenhöhe geprellt.

Im Kanton Aargau musste Stefan Sander im April 2018 wegen Misswirtschaft und Erschleichen einer Falschbeurkundung 300 Tagessätze à 240 Franken und 5000 Franken Busse zahlen, ausserdem die Verfahrenskosten von rund 7000 Franken. Doch Sander musste, anders als Märki, für seine Verfehlungen nicht ins Gefängnis.

Im Urteil ist die Rede von einem klassischen Fall eines Gründungsschwindels. Die Verantwortlichen seien nicht davor zurückgeschreckt, sowohl eine Notarin als auch das Handelsregister zu täuschen.

Die HSG hat angeblich mit dem verurteilten Dozenten Anfang 2020 vereinbart, dass sich dieser kontinuierlich aus allen Lehrverpflichtungen an der HSG zurückzieht. «Aber selbst für das Jahr 2022 figuriert der fehlbare Dozent noch in einer Online-Ausschreibung der Universität», schreibt der Rorschacher Stadparlamentarier Guido Etterlin in einer einfachen Anfrage am 14. Juli 2021.

Bild: KEYSTONE/WALTER BIERI

Geschwärzte und geschönte Protokolle?

Weiter erkundigt sich der SP-Politiker um den Fall von Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident und Direktor des Instituts für Systemisches Management & Public Governance an der Universität, Johannes Rüegg-Stürm (stgallen24 berichtete). Die «Sonntagszeitung» schrieb am 10. Juli 2021 von Verletzung von rechtlichen Pflichten, geschwärzten und geschönten Protokollen, faktisch von Irreführung des Verwaltungsrats. Demnach beschreiben drei unabhängige Untersuchungsberichte das Verhalten von Rüegg-Stürm als sehr problematisch.

«Johannes Rüegg-Stürm hat daher unseres Erachtens mit der fehlenden Traktandierung seine gesetzliche Pflicht verletzt und gegen das interne Regelwerk von Raiffeisen verstossen», schreibt etwa Prager Dreifuss.

«Der Raiffeisen-Verwaltungsrat unter seiner Leitung habe eine 15-Prozent-Beteiligung an der Firma Investnet ohne Kenntnis weiterer Details wie z.B. dem genauen Wert der Beteiligung oder der Zahlungsmodalitäten bewilligt. Die Finma spricht in diesem Zusammenhang von ‹Nichterkennen von offensichtlichen (Interessen-)Konflikten›. Wie die Verwaltungsräte dieses Protokoll überhaupt formell genehmigen konnten, sei nicht nachvollziehbar, geradezu unverständlich. Weiter steht im Raum, dass Rüegg-Stürm versuchte, dem gescheiterten Raiffeisen-CEO zu einer Abgangsentschädigung von fünf Millionen Franken zu verhelfen», schreibt Etterlin.

Pikantes Detail am Rande: Controlling-Spezialist Sander war jahrelang Dozent an dem von Rüegg-Stürm geleiteten Institut für Systemisches Management und Public Governance und verfasste zusammen mit dem Institutsdirektor auch ein Standardwerk zum Controlling für Manager.

Guido Etterlin bittet die Regierung um die Beantwortung folgender Fragen:

  1. Seit wann hat die die Regierung Kenntnis von der Verurteilung des Controlling-Dozenten der Universität im Jahr 2018?
  2. Warum wurde in diesem Fall wiederum so zögerlich agiert und wie ist es möglich, dass der fehlbare Dozent für 2022 immer noch Lehrverpflichtungen innehat?
  3. An welchem Institut arbeitet der fehlbare Dozent?
  4. Ist eine strafrechtliche Verurteilung eines Dozenten für Controlling wegen Misswirtschaft und Erschleichen einer Falschbeurkundung mit einer Strafe von 300 Tagessätzen vereinbar mit den Anstellungsbedingungen an der Universität?
  5. Wie würde ein für das Controlling verantwortlicher Staatsangestellter bzw. eine Staatsangestellte mit dem gleichen Delikt dienstrechtlich behandelt?
  6. Sind der Regierung weitere Fälle bekannt, welche die Reputation der Universität schädigen könnten?
  7. Ist die Regierung weiterhin der Meinung, dass die neuen schweren Vorwürfe an Professor Rüegg-Stürm der Reputation der Universität nicht schaden? Was mag es noch leiden, bis das Fass überläuft?
mik/stgallen24