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Kultur
29.06.2021

Chris von Rohr: «Schlechte Verträge»

Chris von Rohr: «Wir Schweizer sind Weltmeister im uns Kleinmachen und im uns unter Wert zu verkaufen.»
Chris von Rohr: «Wir Schweizer sind Weltmeister im uns Kleinmachen und im uns unter Wert zu verkaufen.» Bild: Linth24
«Im Leben und in der Politik muss man lernen Nein zu sagen.» Chris von Rohr fragt sich, warum in den Medien nach Beerdigung des EU-Rahmenvertrags «wieder Weltuntergangsstimmung» herrsche.
  • Kolumne von Chris von Rohr

Ich und viele meiner Musiker-Kollegen im In- und Ausland haben im Laufe des Lebens schon einige schlechte Verträge unterschrieben. Wir achteten zu wenig auf den Inhalt, das Kleingedruckte und die Guillotinen, wir waren schlicht zu naiv. Die Gegenseite nutzte das brutal aus und wir durften dann die Suppe auslöffeln – bis heute. Jammern bringt nichts, selber schuld.

Warum unterschreibt man schlechte Verträge? Meistens aus Unwissenheit, Naivität, Bequemlichkeit und Schwäche. Man vertraut auch zu wenig auf seine ureigenen Stärken und Qualitäten. Wir Schweizer sind Weltmeister im uns Kleinmachen und im uns unter Wert zu verkaufen. Mark Twain wusste: Es ist leichter Menschen zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind.

Weltuntergangsstimmung pur

Man betrachte z.B. die Nachberichterstattung zur Beerdigung dieses EU- Rahmenvertrages. Dort herrschte wieder mal Weltuntergangsstimmung pur. Wieso eigentlich? Die Vermutung liegt nahe, dass sich die Mehrheit der Journalisten nie wirklich en detail mit dem Inhalt dieses Vertrages befasst hat. Sie schrieben einfach, was sie erzählt bekamen oder aus einer gewissen Grundhaltung heraus, ohne zu wissen, was dieser Deal für das Land und seine Menschen langfristig bedeutet hätte.

Apokalyptische Düsterprognosen

Ich hatte über Jahre Kontakt mit einem Schweizer Reporter, der aus Brüssel berichtete. Denkwürdige Fakten interessierten ihn kaum. Er war bereits von Vampiren gebissen, «embedded», dem Charme und den Schalmeienklängen der dortigen Politiker erlegen. Kritik und ernsthafte Hinterfragung suchte man in seinen Artikeln vergebens, dafür gab’s haufenweise apokalyptische Düsterprognosen für unser Land, falls dieser Vertag nicht zustande käme.

Nein, diese Absage der Schweiz an die EU war keine Verschwörung des rechten, bürgerlichen, neoliberalen Flügels, sondern schlicht ein Akt der Abwägung, Vernunft und Kostenrealität.

Schwäche der Volksvertreter

Mehrere Rechtswissenschaftler studierten das rund 50-seitige Papier und meldeten grosse Zweifel an. Es bedurfte schon einer gewissen Kaltschnäuzigkeit, das einem Top-Kunden wie der Schweiz so zur Unterschrift vorzulegen – und einer Schwäche unserer Volksvertreter, das nicht von Anfang an unmissverständlich abzulehnen. Dieser Vertrag hätte unser Land in eine institutionelle Abhängigkeit getrieben, was niemand will, und grosse Nachteile gebracht, u.a. im Lohnschutz. Im Streitfall hätte dazu nicht das Schweizer Recht, sondern EU-Recht gegolten. Man spricht dann schönfärberisch von einer «dynamischen Rechtsübernahme». Nur davon profitierende Grosskonzerne, Zentralmacht-Anbeter, Ahnungslose oder durchgeknallte Rock’n‘Roller würden einen solchen Vertrag unterzeichnen.

Kein Deal ist besser als ein schlechter

Wenn Verhandlungen zu Drohkulissen oder Diktaten verkommen und Sachfremdes miteinander verknüpft wird, ist es an der Zeit, eine Pause einzulegen. Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal und man darf auch ruhig mal den Verhandlungstisch verlassen. Im Leben und in der Politik muss man lernen NEIN zu sagen. Niemand will sich abschotten, alle wollen freien Handel, Frieden und Wohlstand, aber unter fairen Bedingungen. Und sicher unter keiner fremden Gerichtsbarkeit. Es gibt weltweit kein Land, das für einen Marktzugang eine Anpassung des eigenen Rechts verlangt.

Angstfrei wehren

Gerade die Hochschulden-Staaten versuchen immer wieder mit Machtdemonstrationen, die kleine, blühende, fleissige Schweiz mit Steuern, Nadelstichen und Abgaben unter Druck zu setzen. Wir tun gut daran, falls wir unsere Selbstbestimmung und unabhängige Staatsform behalten wollen, uns angstfrei zu wehren und die Volksvertreter in die Pflicht zu nehmen. Manch einer hat nämlich im Wohlstand schon den Kompass verloren und vergessen, wer und was ihn erfolgreich gemacht hat.

Neue Verträge werden kommen. Sie sollten allen hierzulande zugutekommen – vor allem jenen Werktätigen, die jeden Morgen aufstehen, harte Arbeit verrichten, um ihre Familien durchzubringen, und dieses Land am Laufen halten.

Angaben zu Chris von Rohr

Weitere Kolumnen «Notabene» finden Sie auf der Website der «Schweizer Illustrierten».

Mehr über Chris von Rohr auf www.chrisvonrohr.ch und auf seinem Instagram-Account.

Chris von Rohr: Autor, Musiker, Produzent