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Sport
25.06.2021

Schwinger Reto Nötzli: «Für mich geht keine Welt unter»

Kann Reto Nötzli morgen Samstag am Stoos-Schwinget jubeln?
Kann Reto Nötzli morgen Samstag am Stoos-Schwinget jubeln? Bild: Archivbild Albert René Kolb
Der Pfäffiker Schwinger Reto Nötzli startet morgen am Stoos-Schwinget. Für ihn ist diese spezielle Saison ein Aufbau im Hinblick auf das ESAF in Pratteln.

Am Samstag geht es auch auf dem Innerschweizer Verbandsgebiet wieder mit Kranzfesten los. Auf dem Sportareal Wintersried in Ibach findet der Stoos-Schwinget statt. Am Start stehen wird dann auch das Aushängeschild des Schwingklubs March-Höfe. Neben Joel Kessler vertritt der Pfäffiker Reto Nötzli die Region Ausserschwyz am stark besetzten Bergfest im Talkessel.

«Dass so ein wichtiges Bergkranzfest erst mein zweiter Wettkampf ist, ist für mich sicherlich nicht optimal.»
Reto Nötzli, Eidgenosse aus Pfäffikon

Reto Nötzli ist bekannt dafür, dass er jeweils einige Schwingfeste braucht, bis er so richtig in Fahrt kommt. Vor dem Stoos-Schwinget blieb ihm nur der Rangschwinget in Weggis als Vorbereitung. Der Pfäffiker Eidgenosse verspürt deshalb eine gewisse Nervosität. «Dass so ein wichtiges Bergkranzfest erst mein zweiter Wettkampf ist, ist für mich sicherlich nicht optimal. Aber ich muss das Beste daraus machen», sagt er pragmatisch. Seine Chancen auf einen Kranz kann Reto Nötzli nicht einschätzen. Er stuft sie eher gering ein. Er ist ehrgeizig genug, trotzdem eine der begehrten Auszeichnungen holen zu wollen.

Dass das Fest ohne Zuschauer durchgeführt wird, findet Nötzli schade. Er glaubt aber nicht, dass es ihn wirklich beeinflussen wird. «Wenn ich zum Kampf antrete, bin ich im Tunnel. Ich habe dann keine Zeit, einem Kollegen auf der Tribüne zuzuwinken», sagt der Höfner lachend.

Gedanken an Rücktritt

Dass Nötzli am Samstag ins Sägemehl steigt, ist nicht selbstverständlich. Ende August ist es zwei Jahre her, seit er am Eidgenössischen Schwingfest in Zug eine der grössten Enttäuschungen seiner Karriere hinnehmen musste. Nach sechs von acht Gängen war sein Auftritt in Zug, für den er sich so viel vorgenommen, so viel erhofft hatte, zu Ende. Es gab keinen zweiten Eidgenössischen Kranz.

  • Am Eidgenössischen Schwingfest 2019 war Reto Nötzli (weiss) öfter in Rücklage. Bild: Archivbild Albert René Kolb
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  • Bild: Archivbild Albert René Kolb
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Danach machte sich Nötzli viele Gedanken darüber, wie es für ihn weitergehen soll. «Nach diesem Fest hatte ich lange zu beissen», sagt der Höfner nachdenklich. Er nahm sich eine längere Auszeit, um seinen Kopf zu lüften und sich zu hintersinnen. Nötzli dachte gar über einen Rücktritt vom Schwingsport nach.

Diesen Gedanken verwarf er aber wieder, als die Vorbereitungen auf die neue Saison anstanden und Nötzli das Kribbeln wieder spürte. «So entschied ich mich, doch weiterzumachen.»

Das Feuer für das Schwingen war für Reto Nötzli noch nicht erloschen. Bild: Archivbild Albert René Kolb

Er bereitete sich auf die Saison vor, die nie kam. «Anfangs fand ich es gar nicht so schlecht. Es blieb mir auch mal Zeit für Anderes.» Je länger die trainingsfreie Zeit dauerte, desto schwieriger wurde es für Nötzli, die optimale Balance in der Trainingshäufigkeit und -Intensität zu finden. «Ich nahm es dann eher lockerer», so Nötzli. Zurecht, denn mehr als Trainings gabs im letzten Sommer auch für Nötzli nicht. Die Schwingsaison 2020 fiel komplett ins Wasser.

Schicksalsschlag verarbeiten

Das Schwingen rückte so immer weiter in den Hintergrund, erst recht als im Herbst und Winter keine Trainings mehr möglich waren und die Familie Nötzli einen Schicksalsschlag erlitt. Retos Vater verstarb an den Folgen einer Covid-Erkrankung. «Es war eine schwierige Zeit», so Nötzli.

«Wir hatten auch schon vor Corona eine Zweiklassengesellschaft im Schwingsport.»
Reto Nötzli, Schwinger

Ab März durfte Nötzli nach der schweren Zeit endlich wieder trainieren. Er war als Eidgenosse einer der 120 Auserwählten des Eidgenössischen Schwingerverbands und somit Teil einer «Elite», wie es die Schwingergemeinde gerne bösartig nannte. Zwar vertritt auch Nötzli die Auffassung, dass Schwingen entweder für alle oder keinen erlaubt sein sollte. Dass die Lücke der besten zum Normalschwinger dadurch grösser werden sollte, lässt der 31-Jährige aber nicht gelten. «Wir hatten auch schon vor Corona eine Zweiklassengesellschaft im Schwingsport.»

Weniger verkrampfen

Dank der immer weitergehenden Lockerungen können nun aber wieder alle Schwinger Wettkämpfe bestreiten. Der Stoos-Schwinget ist dabei bereits ein erstes Highlight im diesjährigen Kalender.

Am Stoos-Schwinget will Nötzli wieder angreifen. Bild: Archivbild Albert René Kolb

Nötzli ist sich bewusst, dass es für ihn in Ibach schwierig wird. Doch darüber will er sich gar nicht viele Gedanken machen und sein Ding durchziehen. «Früher machte ich mir immer gleich einen Kopf, wenn der erste und der zweite Gang nicht so lief. Dadurch habe ich mich verkrampft.» Er hofft und glaubt, dass er dieses Problem nun aus der Welt schaffen konnte. Dafür nahm er wie so viele andere Sportler in der heutigen Zeit auch die Hilfe eines Mentaltrainers in Anspruch.

Der grosse Saisonhöhepunkt ist heuer der nur alle sechs Jahre stattfindende Kilchberger Schwinget vom 25. September. Um im exklusiven Kreis der 60 besten Schwinger dabei zu sein, muss sich auch der Eidgenosse Nötzli qualifizieren. Gemessen wird die Anzahl Kränze. Doch es ist nicht die oberste Priorität des 43-fachen Kranzgewinners, am Kilchberger teilzunehmen. Bereits 2014 kam er in den Genuss, an diesem sehr speziellen Schwingfest dabei sein zu dürfen. «Wenn ich gehen darf, ist es sicher cool. Wenn nicht, geht für mich keine Welt unter», so der Pfäffiker.

Der Kilchberger-Schwinget hat für Nötzli nicht oberste Prioriät. Bild: Archivbild Albert René Kolb

Diese spezielle verkürzte Saison sieht Nötzli nämlich eher als Aufbausaison. Denn im nächsten Jahr steht schon wieder ein Eidgenössisches im Kalender. «Wenn ich gesund bleibe, mache ich sicher noch bis Pratteln weiter.» Die Rücktrittsgedanken des Reto Nötzli sind beiseite geschoben. Der Blick geht vorwärts zum Stoos-Schwinget vom Samstag.

Lars Morger, Sportredaktion March24 & Höfe24