Leben
20.02.2020

«Die Leute haben Angst Pelz zu tragen»

Immer weniger Menschen kaufen Pelzmäntel und das spüren besonders Brockenstuben, denn diese bleiben auf Grossmutters teuren Pelzstücken sitzen.

Secondhand Shopping ist hip und nachhaltig: Man findet immer wieder trendige Vintagteile für wenig Geld und rettet Kleider vor dem Abfall. Eine umweltbewusste Alternative zu Fast-Fashion und Online Shopping. Auch in St.Gallen erfreuen sich Brockenhäuser an grossem Interesse und werden von Hipsters und Schnäppchenjängern geradezu überrannt. Doch was nicht mehr so en vogue ist, sind Pelzmäntel. Das spüren die Secondhand-Stores besonders. So auch das St.Galler Brockenhaus in der Goliathgasse.

«Viele ältere Menschen bringen ihre teuren Echtpelz Mäntel vorbei. Letztens erst hatte ich einen in der Hand, der mal 6'500 Franken gekostet hat. Aber es ist sehr schwierig geworden diese zu verkaufen», sagt Verkäuferin Marina Näf. Die Mäntel werden im Brocki teilweise für unter Hundert Franken verkauft. Die meisten haben ein Fell aus Fuchs, Nerz, Marderhund oder Kaninchen.

Kunden würden gerne, aber trauen sich nicht

«Früher war es nicht so verpönt Pelz zu tragen, denn man hat nicht so darauf geachtet wie heute. Hauptsache der Mantel war warm», sagt Näf. Sie beobachte immer wieder wie einige Kunden die Mäntel anprobieren und eigentlich gerne kaufen würden, aber dann doch zurücklegen. «Sie haben einfach Hemmungen. Eine Kundin hat mir gesagt, dass sie Angst hat damit rumzulaufen. Man könnte ja von Tierschützern mit Farbe beworfen oder angepöbelt werden.» Auch der milde Winter habe dazu beigetragen, dass viele Stücke an der Stange hängen geblieben sind. «Wir stellen dann die Mäntel wieder ins Lager und hoffen, dass wir sie nächstes Jahr verkaufen können.»

Einige Abnehmer gibt es allerdings doch: «Junge Russinnen kaufen die Pelze gerne oder Leute, die öfters mal in St. Moritz sind. Dort wird Pelz gerne getragen, aber in St.Gallen eher selten», so Näf. 

Pelztragen rege Nachfrage an

«Aus Tierschutzsicht ist das eine positive Entwicklung. Pelztragen ist und bleibt Gewissensfrage und wenn es so ist, dass die Brockenhäuser auf Pelzmänteln sitzen bleiben, heisst das, dass sich vielleicht doch der eine oder andere Kunde überlegt, was er da kaufen möchte und mit wie viel Tierqual ein Echtpelz verbunden ist», sagt Julika Fitzi, die aktiv im Tierschutzverein St.Gallen und Umgebung ist. Eine seriöse Tierschutzorganisation würde keine Pelzträger anpöbeln, sondern informieren und das auch durch direkte Ansprache von Pelzträgern.

«Auch mit Secondhand-Pelz setzt man ein falsches Zeichen. Die Leute wissen nicht, dass es vom Träger nicht selbst gekauft wurde. Wer Pelz trägt, setzt ein Modestatement, macht Werbung fürs Pelztragen und regt allenfalls die Nachfrage an», so Fritzi.

Julika Fritzi empfiehlt das Spenden an Texaid, womit Leute in kalten Regionen eine wärmende Bekleidung für den Winter erwerben können. Eine andere Idee, wenn auch noch nicht in der Schweiz, ist es, die Pelze verwaisten Tierbabys zur Verfügung zu stellen.

Neue Vorschriften für Pelzdeklaration

Der Bundesrat hat am Mittwoch, 19. Februar 2020, beschlossen die Vorschriften für die Pelzdeklaration zu verschärfen. Pelze müssen neu als «Echtpelz» deklariert werden. So soll für Kunden sofort klar sein ob es sich um Kunstfell oder Echtpelz handelt. Auch Produktionsarten, die nicht dem Schweizer Tierschutz- oder Jagdgesetz entsprechen, müssen vermerkt werden. Dazu gehören etwa die Fallenjagd oder Käfighaltung mit Gitterböden.

Wenn es nicht möglich ist, zuverlässige Informationen über die Gewinnungsart der Pelze und Pelzprodukte zu erhalten, muss die Deklaration «Gewinnungsart unbekannt - kann aus einer in der Schweiz nicht zugelassenen Haltungs- oder Jagdform stammen» angegeben werden. Das Gleiche gilt, wenn sich die Herkunft des Pelzes nicht eruieren lässt.

Miryam Koc