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23.02.2021
23.02.2021 10:30 Uhr

Der Mönch, der täglich auf Instagram ist

Pater Thomas Fässler: «Viele denken, dass wir den ganzen Tag in einem abgedunkelten Kämmerchen sitzen und beten, dabei haben wir ein sehr buntes, vielfältiges Leben.» Bild: Anouk Arbenz
Vor 15 Jahren hat sich Pater Thomas Fässler für das Klosterleben entschieden. Wie man sich das Mönchdasein vorstellen muss, wie wichtig die sozialen Medien für das Kloster Einsiedeln sind und ob genug Nachwuchs da ist, verriet uns der 36-Jährige im Interview.

Wann war für Sie klar, dass Sie Mönch werden wollen?

Das kam schleichend. Ich besuchte damals das Gymnasium der Stiftsschule Einsiedeln. Dadurch, dass viele unserer Lehrer Mönche waren, wurde das für mich eine Option. Ich fragte mich, wieso sie sich dafür entschieden haben und beobachtete, dass sie einen ganz zufriedenen Eindruck machen. Ich erhielt Einblick in dieses Leben und realisierte, dass es gar nicht so abstrus ist. Mönche können auch in die Ferien, sie können sich verwirklichen, sie haben Projekte etc. Sie sind nicht total eingeschränkt, wie man meinen würde. Als die Matura anstand, konnte ich es mir vorstellen, Mönch zu werden, aber ich wollte erst etwas Abstand gewinnen und schauen, ob dieser Wunsch wieder verfliegt oder bestehenbleibt.

Nach der RS studierten Sie Geschichte und Latein in Freiburg. Sagte Ihnen dieses Leben nicht zu?

Doch, das Studium gefiel mir total und das WG-Leben auch, trotzdem wusste ich, dass es mich auf lange Sicht nicht ganz würde erfüllen können. Es gab keine Antwort auf die Sinnfrage, so wie ich sie jetzt habe. Ich wollte am Ende meines Lebens nicht zurückschauen und daran zweifeln müssen, ob mein Leben wirklich das geboten hat,was ich mir vorgestellt hatte. So zog es mich nach Einsiedeln zurück. 

Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?

Ich komme aus einer gläubigen Familie, in der es auch schon Verwandte gab, die ins Kloster eingetreten waren. Es war also nichts Fremdes für sie. Meine Eltern hatten es eigentlich schon vermutet, hofften aber, dass ich einen anderen Weg einschlage. Meine Freunde waren zweigeteilt. Ein Teil sagte: Das passt zu dir, der andere Teil war überrascht. Beide Reaktionen haben mich bestärkt in meiner Entscheidung. 

Was fasziniert Sie daran?

Es ist die Möglichkeit, sich voll und ganz auf das zu konzentrieren, was man als Wesentlich erachtet. Das ist ein enormer Luxus.

(...)

Wie oft sehen Sie Ihre Familie?

Ich lade sie ein paar Mal pro Jahr zum Mittagessen ein und in den Sommerferien gehe ich zwei bis drei Tage nach Hause. Seit ich studiere, haben wir die Familientradition, dass ich immer mittwochs eine E-Mail nach Hause schicke, in der ich über meine Erlebnisse und Aufgaben berichte. Ich schreibe meiner Familie mehr, als dass ich sie sehe.

Michael Fässler besuchte als Schüler die Stiftsschule Einsiedeln und kehrte als Mönch Pater Thomas ins Kloster zurück. Bild: Anouk Arbenz
  • Pater Thomas Fässler lebt seit 15 Jahren im Kloster Einsiedeln. Bild: Anouk Arbenz
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  • Biblia Pars II, Einsiedeln um 940-950 Bild: zvg
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  • Eines der ersten Bücher des Kloster Einsiedelns. Bild: Kloster Einsiedeln
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Steht für Sie fest, dass Sie nie das Kloster verlassen und eine Familie gründen werden? 

Es kann natürlich schon sein, dass man sich verändert und das Mönchdasein plötzlich gar nicht mehr das Richtige ist, oder dass sich die Gemeinschaft und die Umstände ändern. Zum Beispiel weil neue Leute eintreten, mit denen man Mühe hat, oder weil ein neuer Abt gewählt wird, der einem nicht passt. Die ersten fünf Jahre im Kloster bilden zwar eine Probezeit, wonach man sich festlegen muss, doch ist dann natürlich nicht alles vorauszuahnen. Es ist mit dem Heiraten zu vergleichen: Da weiss man ja auch nicht, wie sich das Zusammenleben entwickeln wird, aber man verspricht, einander treu zu bleiben. Wenn es einem mal nicht passt, sollte man also nicht gleich den Bettel hinschmeissen.

(...)

Gibt es Vorurteile gegenüber Mönchen, die gar nicht stimmen?

Ich glaube, viele Leute denken, dass wir den ganzen Tag in einem abgedunkelten Kämmerchen sitzen und den Rosenkranz beten, dabei haben wir ein sehr buntes, vielfältiges Leben. 

Wie muss man sich das Leben als Mönch vorstellen? Haben Sie jede Woche dieselbe Routine? 

Es gibt ein festgelegtes Raster, mit Gebeten und Mahlzeiten. Dazwischen gebe ich zum Beispiel Schule und bin mit anderen Aufgaben betraut. Zum Beispiel betreue ich ein Langzeitvolontariat, das sich «Klosterzeit» nennt. Dabei handelt es sich um ein Angebot für Männer zwischen 18 und Anfang 30, die während sechs bis zwölf Monaten in Benediktinerklöstern weltweit leben. Ich führe Aufnahmegespräche mit Interessenten und betreue sie während des Programms.

Finden Sie denn heutzutage noch genug Nachwuchs fürs Kloster?

Ja, gerade im Herbst haben zwei junge Herren ihre Kandidatur gestartet. Wir haben sehr viele Interessenten, die fasziniert sind von unserem Lebens-entwurf und die sich nach «mehr» sehnen. Sie kommen regelmässig zu uns als Gast, häufig scheuen sie sich dann aber vor dem letzten Schritt. Entweder, weil der Druck des Umfelds sehr gross ist oder weil ihnen der Mut fehlt, wirklich loszulassen. 

(...)

Sie betreiben die Sozialen Medien für das Kloster Einsiedeln. War das Ihre Idee?

Facebook haben wir schon länger. Den Instagram-Kanal gibt es seit zwei Jahren. Den Account hat eine Mitarbeiterin in der Wallfahrt von sich aus kreiert, doch habe ich ihn dann bald übernommen, weil ich besser den Insider-Blick vermitteln kann. Täglich setze ich dafür etwa eine Dreiviertelstunde ein. Es gibt viele Anfragen über Instagram, die aus der ganzen Welt kommen. 

Bei den Sozialen Medien geht es um Vernetzung und Austausch, um Sehen und gesehen werden – kein Widerspruch zum Mönchdasein?

Der Mönch an sich ist schon in diesem Spannungsfeld. Er ist primär in seiner Zelle, wo er sich mit Gott auseinandersetzt. Er tritt aber immer wieder aus diesem Raum und kommt in die Gemeinschaft. Jetzt mache ich einfach einen Schritt weiter, indem ich nicht nur mit den Mitbrüdern in Kontakt trete, sondern mit der Welt. Und die Welt macht einen Schritt auf uns zu.

Hattet ihr Corona-(Todes)fälle im Kloster?

Ja, es gab Todesfälle als Folge einer Covid-19-Erkrankung. Wir waren aber gut vorbereitet und haben schon im Frühling Isolationszimmer eingerichtet. Sobald jemand Symptome zeigte, kam er ins Zimmer und wurde dort   getestet. Weitere Ansteckungen konnten wir so verhindern. 

(...)

Vollständiges Interview in den Printzeitungen «March-Anzeiger» und «Höfner Volksblatt» zu lesen.

Jeden Tag Gott begegnen – der Alltag eines Mönchs


Der Mönchalltag beginnt um 5.30  Uhr mit der Vigil, was übersetzt «Wache» bedeutet. Gegen Ende der Nacht soll auf diese Weise das Wort Gottes ertönen. Danach folgen wie bei uns auch die Toilette und das Frühstück. Zudem widmet sich der Mönch am Morgen der Bibel.

Um 7.15 Uhr ist die Laudes angesagt, wenn sich die Mönche zum gemeinsamen Gebet im Chor der Kirche treffen. Danach ist der Mönch bereit für sein Tagewerk, das sich je nach Verantwortlichkeit und Aufgabe unterscheidet.

Um 11.15 Uhr folgen das Konventamt und das Mittagsgebet, danach wird zu Mittag gegessen, währenddem eine Lektüre vorgetragen wird.

Die Vesper – das Abendgebet der Kirche – wird um 16.30 Uhr gebetet. Es folgen die geistliche Lesung und danach das Abendessen. Danach bleibt Zeit für eine Rekreation – eine Zeit der Erholung und Entspannung: Im mitbrüderlichen Austausch, bei der Zeitungslektüre im Lesezimmer, bei persönlicher Lektüre im Garten oder in der Mönchszelle oder mit einem Besuch bei den Mitbrüdern in der Pflegeabteilung.

Um 19.55 Uhr versammeln sich die Mönche ein letztes Mal. Treffpunkt ist diesmal der Kapitelssaal – ein Gemeinschaftsraum innerhalb des Klosters. Das Nachtgebet schliesst den Tag eines Mönchs ab. 

Anouk Arbenz, Redaktion March24/Höfe24