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02.10.2022
01.09.2022 11:41 Uhr

Am Highway der Eisbären

Bild: zvg
Die 25-jährige Einsiedlerin Franziska Schönbächler war mit dem SAC Frauen-Expeditionsteam einen Monat in Grönland.

«Ich war mir noch nie so sicher wie jetzt, dass Bergsteigen in all seinen Facetten genau mein Weg ist», sagt die 25-jährige Einsiedlerin Franziska Schönbächler nach ihrer monatigen Grönland-Expedition.

Als eine von insgesamt sechs ausgewählten Frauen im Alter von 20 und 25 Jahren durfte sie mit dem Frauen-Expeditionsteam des Schweizer Alpenclubs (SAC) nach Nuuk, der Hauptstadt von Grönland, fliegen.

Ziel: Erstbesteigung

Einen Monat Abenteuer erwartete diesen Sommer die Alpinistinnen aus der ganzen Schweiz. Ihr Ziel, bei der selbstgeplanten Expedition auch einige Erstbesteigungen zu schaffen, haben sie erreicht.

Mit ihrer Teamkollegin Nadine Grossniklaus aus Beatenberg gelang Schönbächler eine Erstbesteigung auf einen markanten, roten Zacken. «Wir liefen über Gletscher, riesige Blocklabyrinthe, steile Geröll- und Schneefelder auf einen Sattel. Wir nannten ihn den ‹Roten Zahn› und die Route ‹Crunchy Line›.»

Die Erstbesteigung des «Roten Zahns» mit Teamkollegin Nadine Grossniklaus gehörte zum Highlight der Einsiedlerin. Bild: zvg

Das Leben ihrer Kollegin riskiert

Ebenfalls mit ihrer Teamkollegin Nadine Grossniklaus erlebte die Einsiedlerin ihren gefährlichsten Moment in der abgeschiedenen Bergwelt von Grönland. Die beiden jungen Frauen waren Klettern in einer 700 Meter hohen Wand. Franziska Schönbächler hatte in der zehnten Seillänge einen Stein weggenommen, um einen «Friend» (Klemmgerät) zu setzen.

«Dieser war zwar perfekt, aber ich konnte den Stein, welcher so gross wie eine Honigmelone war, nicht mehr hinlegen. Weil wir die Wand in einem Tag klettern wollten, war der Druck da, schnelle Entscheidungen zu treffen.» Sie entschied sich, den Stein in eine andere Richtung als zum Stand ihrer Kollegin zu werfen. Gemäss ihren Einschätzungen hätte er in die hintere Verschneidung fallen sollen.

Er prallte jedoch auf der Kante ab und fiel direkt in die Verschneidung, wo ihre Kollegin sicherte. «Ich hatte Riesenangst um sie. Mit meiner Fehlentscheidung habe ich ihr Leben riskiert. Es waren wohl all unsere Schutzengel vor Ort.» Sie macht sich noch heute grosse Vorwürfe und weiss, dass sowas nie hätte passieren dürfen.

Von Mücken, Eisbären und Zwischenmenschlichem

Die vielen Mücken und Fliegen haben ihrer Motivation stark zugesetzt. «Du kannst dich nicht waschen, ohne von 20 Mücken gestochen zu werden, welche in jede exponierte Körperöffnung kriechen, wenn du ihnen nur eine Sekunde Gelegenheit dazu bietest», erinnert sich die Bergsteigerin an die unangenehmen Seiten des Abenteuers.

Auch Eisbären waren ein Thema: Die jungen Frauen haben sich in einem Dorf zur Sicherheit ein Gewehr gekauft, natürlich hatte keine von ihnen Erfahrung im Schiessen. «Spuren haben wir gefunden, aber zu Gesicht haben wir keinen Eisbären bekommen».

Auf der Heimfahrt erfuhren sie, dass ihr Basecamp auch als «Highway der Eisbären» bekannt sein. Diese werden auf Packeis von der Ostküste in den Süden geschwemmt und die Strömung treibt sie in den Fjord, wo sich die Schweizer Gruppe die ganze Zeit aufhielt.

Zwei Jahren haben sich die jungen Frauen auf die Expedition vorbereitet, die Konsequenzen eines Fehlers sind in Grönland viel grösser als in der Schweiz. Bild: zvg
«Die Mücken waren überall, sie haben meiner Motivation stark zugesetzt», sagt Schönbächler. Bild: zvg

Heimweh

Nach drei Wochen wäre sie gerne wieder nach Hause gegangen: «Ich vermisste den Alltag, nützlich zu sein, strukturiert zu trainieren, körperliche Nähe, Beschäftigungsmöglichkeiten, die Abwechslung und meine Lieblingsmenschen.»

Die Highlights der Reise

Am liebsten erzählt die Einsiedlerin die Geschichte, wie sie zu einer unerwarteten Fischmahlzeit gekommen sind. «Um auf die andere Bachseite zu kommen, wollten wir eine Seilrutsche einrichten. Dazu machten sich drei Mädchen mit dem Funkgerät auf den Weg zum Meer, um bei Ebbe den Bach überqueren zu können. Auf einmal hörten wir aus dem Funk ein Kreischen, Jaulen und Sätze wie ‹da ist ein Fisch, wir haben einen Fisch› und zwischendurch Gelächter.»

Die Einsiedlerin sei mit dem Kessel zum Meer gerannt und habe in der Hand ihrer Kollegin ein wunderbares Exemplar eines 60 Zentimeter langen Fisches gesehen. Dieser soll zappelnd am Ufer gelegen sein, weil das Wasser durch die Ebbe zurückgangen war. Der Fisch wurde als Festmahl zubereitet und genossen.

Wieder zurück im Alltag

Zurück in der Schweiz sagt Schönbächler: «Am meisten habe ich mich auf meine bezaubernde Freundin gefreut.» Beim Gespräch mit dem «March-Anzeiger» fühlt sie sich hevorragend, die Batterien aufgeladen.

Besonders der Entzug medialer Einflüsse habe ihr im Nachhinein sehr gutgetan. Dazu kommt die Wertschätzung gegenüber alltäglichen Dingen: «Ob es nun ein Stuhl zum Sitzen, das Aufstehen statt Aufkriechen am Morgen oder das vielseitige Essen sei.»

Nach diesem eindrücklichen Monat beschreibt Franziska Schönbächler mit folgenden Worten, was Bergsteigen für sie bedeutet: Freude und Freunde, Leidenschaft und Leid.

Heidi Peruzzo, March24 & Höfe24