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02.07.2022
01.07.2022 17:22 Uhr

Hotel Schwanen – Vom Mittelalter bis zu den Polen

Mehr als 600 Jahre prägen die Geschichte des Hotels Schwanen von Rapperswil, das nun an den Staat Polen verkauft wurde.
Mehr als 600 Jahre prägen die Geschichte des Hotels Schwanen von Rapperswil, das nun an den Staat Polen verkauft wurde. Bild: Broschüre «Hotel Schwanen Rapperswil. Einblick in die bewegte Geschichte eines Hauses» von Basil Vollenweider
Dass das traditionsreiche Hotel Schwanen Rapperswil an den Staat Polen verkauft wurde, passt in die bewegte, 600-jährige Geschichte dieses prägnanten Gebäudekomplexes.

Der Rapperswiler Historiker Basil Vollenweider schreibt in seiner historischen Betrachtung «Hotel Schwanen. Einblick in die Geschichte eines Hauses», die frühesten Spuren des Hotels würden bis ins 13. und 14. Jahrhundert zurückreichen. In dieser Zeit verschenkte der die Region beherrschende Graf Rudolf von Rapperswil «das direkt am Zürichsee gelegene Gebäude» – also den Ur-Schwanen – an das Kloster Rüti im Zürcher Oberland, weshalb das Haus fortan und bis ins 19. Jahrhundert «Rütihaus» genannt wurde.

Von Graf Rudolf zum Abt von Rüti

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts diente der damals schon mächtige Gebäudekomplex am Rapperswiler Hafen als klösterliches Amtshaus, als Herberge für die Kloster-Brüder und als Regierungssitz für dessen Abt. Der Hafen vor dem Haus war wichtiger Umschlagsplatz. Von hier aus wurden Waren über den See verschifft, denn eine Brücke zur anderen Seeseite gab es noch nicht.

Glaubenskriege um den Ur-Schwanen

Im 16. Jahrhundert wogten in der Schweiz die Glaubenskriege zwischen Katholiken und Protestanten hin und her. Im reformierten Zürich wurden die katholischen Klöster aufgelöst und verboten. Dazu gehörte auch das Kloster Rüti. Im Zuge dieser Reibereien floh der damalige Abt samt seinem Klosterschatz und einigen Mönchen ins Rütihaus nach Rapperswil. Dabei soll er auf dieser Flucht von den Zürchern noch abgefangen worden sein, welche ihm einen Teil seines Klosterschatzes abnahmen.

Ur-Schwanen im Besitz der Zürcher

Nach dem Tod des letzten Kloster-Bruders gelangte das Gebäude 1561 in den Besitz der Stadt Zürich – und blieb es bis 1805. Um ihre Herrschaft zu demonstrieren, wiesen die Zürcher ihren im Rütihaus eingesetzten «Amtsmann» an, das an der Front des Gebäudes aufgemalte Abts-Wappen mit dem Zürcher Wappen zu übermalen. Das missfiel den Rapperswilern, weshalb diese in einer Nacht- und Nebelaktion das Züricher Wappen mit Unrat überstrichen.

In der rund 250-jährigen Zeit der Züricher Herrschaft über das Rütihaus dienten die Gebäude als Pferdestallung, Umschlagplatz und zweitweise als Bäckerei.

Endlich wieder in Rapperswiler Besitz

1805 kaufte die Ortsgemeinde Rapperswil den Zürichern das Rütihaus für 600 Gulden ab und investierte viel Geld in dessen Erneuerung. Damit war das wichtige Gebäude wieder im Besitz der Rapperswiler.

Die Dampfschifffahrt und das Aufkommen der Eisenbahn und das beginnende Industriezeitalter veränderte die Rapperswiler Stadtsilhouette und damit auch den Hafen am See. Diesen Veränderungen passte sich immer auch das Rütihaus an, das mit Nachbarsgebäuden vereint wurde.
Ab 1830 dienten die Gebäude als Umschlagplatz für Korn, was aber nicht den gewünschten Erfolg brachte. Deshalb ging das Rütihaus 1868 an die Stadt Rapperswil über, welche den Dachstock an den Orgelbauer Spaich vermieteten und im Erdgeschoss ein Feuerwehrdepot unterhielten.

Rütihaus wird zum Schwanen

Im Verlaufe dieser Jahre wurde das Rütihaus mit dem danebenstehenden Gästehaus Anker vereint, das dem Kloster Pfäfers gehörte und 26 Gästebetten enthielt.
1845 ersteigerte der Rapperswiler Major Xaver Curti den Gebäudekomplex. Das war die Geburtsstunde des Hotel Schwanen. Curti hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Mit dem Aufkommen des Tourismus wurde die Schweiz innerhalb von Europa zum bevorzugten Reiseland. Industrielle, Aristokraten, Künstler, Denker und wohlhabende Bürger bereisten das Land und besuchten auch Rapperswil.

Von Richard Wagner bis Wolfgang von Goethe

Die Stadt beherbergte Persönlichkeiten wie Mendelssohn, Wagner, Liszt – und sogar Johann Wolfgang von Goethe besuchte Rapperswil. Viele von ihnen nächtigten im «ersten Haus am Platz», im Hotel Schwanen.

Major Curti bewarb das Haus weit über die Schweizer Grenzen hinaus. In Anzeigen schrieb er, das Hotel «in unmittelbarer Nähe des Dampfschiff-Landungsplatzes» verfüge über «einen grossen eleganten Speisesaal» und «meubilierte» Gastzimmer sowie «Gesellschafts- und Familiensalons». Es gebe «reale in- und ausländische Weine» und eine «recht gute Küche und zur Unterhaltung verschiedene Zeitungsblätter sowie ein gutes Billard und ein vorzügliches Klavier».

Bald wurde es Mode, sich in «Gesellschaftsfahrten» mit dem Dampfschiff von Zürich nach Rapperswil fahren zu lassen und sich dort im Schwanen zu vergnügen.

Quirino Riva wird Herr im Haus

Nach den Glanzzeiten unter Major Curti wechselte der Schwanen mehrmals die Eigentümerschaft – und mancher Wirt geriet danach in den Strudel finanzieller Schwierigkeiten, wie Basil Vollenweider in seiner Schwanen-Geschichte schreibt. Vor allem in den Jahren des 1. und 2. Weltkriegs.

Um die 1950er-Jahre fasste das Hotel unter der Familie Schmutz und der legendären Schwanen-Bar jedoch wieder Tritt. Doch nach der Ära Schmutz ging es erneut bergab, wonach 1969 eine Gruppe Rapperswiler Gewerbetreibender um Architekt und Unternehmer Quirino Riva den Schwanen kaufte.

Anfang der 1990er-Jahre sanierte der zum Alleinaktionär gewordene Riva den Schwanen mit grossem finanziellen Aufwand und übergab die Führung des Hauses seiner Frau Margrit Riva-Toller, die sich bis zu ihrem Tod im Herbst 2016 für das Hotel und dessen Spitzengastronomie einsetzte.
Am 16. Dezember 2016 Schloss Quirino Riva den Schwanen, hegte und pflegte ihn aber weiter, als ob er im Betrieb wäre. Nach vielen Gesprächen und Sondierungen verkaufte Riva das Traditionshaus am 27. Juni 2022 an den Staat Polen.

Bruno Hug, Linth24