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Kultur
27.06.2022

«Reisebüro Linth»: Migration in der Schweiz

Was man dazumals mit auf die Reise nahm
Was man dazumals mit auf die Reise nahm Bild: zVg
Einen eindrücklichen Einblick über die Migration zu früheren Zeiten in der Schweiz und was dazu führte, vermittelt das «Reisebüro Linth» in Kaltbrunn mittels einer Ausstellung. Diese dauert noch bis zum 20 November.

Migration gibt es schon lange. Es ist ein Thema das uns bewegt und nichts an Aktualität eingebüsst hat.  Zurzeit erleben wir in der Schweiz eine Flüchtlingswelle aus der Ukraine. Warum migrieren Menschen? – diesem Ansatz geht die Ausstellung im «Reisebüro Linth» in Kaltbrunn auf den Grund. Mittels Film, Dokumenten, gesammelten Gegenständen sowie recherchierten Lebensgeschichten wird das Thema aufgearbeitet.

Die Schweiz war ein Auswanderungsland

Im 19. Jahrhundert wanderten viele Schweizer nach Amerika oder Lateinamerika aus. Unmittelbare Ursache dieser Emigration war eine Nahrungsmittelknappheit. Zwischen 1835 und 1855 schrumpften die landwirtschaftlichen Erträge massiv. Dazu kam Armut und Arbeitslosigkeit. Erst heutzutage ist die Schweiz auch ein Einwanderungsland. Wie kam es dazu? Menschen reisen schon seit Urzeiten. Manchmal bleiben sie irgendwo hängen in einem fremden Land, das ihnen gefällt. Man sucht das Abenteuer. Doch meist ist es Armut, Krieg und Arbeitslosigkeit die jemanden zur Emigration zwingt.

Begrüssung zur Austellung

Peter Brunner, Mitglied der Kulturkommission Kaltbrunn begrüsste die vierzig Besucherinnen und Besucher des Kunstvereins Oberer Zürichsee zur Eröffnung der Ausstellung mit den Worten: «Wir alle haben einen Migrationshintergrund. Zudem sind auch sie heute angereist - das nennt man Binnen-Migration», führte Brunner aus.

Wie kam es zum «Reisebüro Linth»

Ursprünglich war das Haus ein altes, schönes Bauernhaus mit Ziegeldach, Holzbalken und Schindeln. 1568 erbaut. Es wurde mit Umschwung an die Gemeinde Kaltbrunn verkauft. Von 1999 bis 2020 führte die Kulturkommission in diesem Haus das Regionalmuseum Müllisperg. Im Zweijahres-Turnus fanden Ausstellungen statt.

«Doch die Erfahrung war immer die gleiche, so Brunner. Anfangs kamen viele Besucher, dann blieben sie aus. Man wolle dem Haus ein Gesicht geben. Es beleben. Deshalb wurde in Absprache mit dem Gemeinderat Kaltbrunn von der Kulturkommission ein neues Konzept erarbeitet mit Ausrichtung auf ein spezifisches Themenfeld Ein- und Auswanderung – Migration», betonte Brunner. Damit wolle man sich mittelfristig einen Namen schaffen, weg vom Begriff Museum zu «Reisebüro Linth». Ein thematischer Bezug zur Gegend sei da.

  • Was die Auswanderer auf Ellis Island/USA erwartete. Bild: zVg
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  • Präsident der Kulturkommission Peter Brunner stellt den Künstler vor (4ter v.r.) Bild: zVg
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  • Einweihung der Stele durch Peter Brunner, Präsi d. Kulturkomm. Kaltbrunn und Kunstschaffender Peter Kuyper. Bild: zVg
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Linthgebiet als Epizentrum der Auswanderung

«Mitte des 19. Jahrhunderts war das Linthgebiet ein Epizentrum der Auswanderung», so Brunner. In der Ausstellung fokussiere man sich auf Zusammenhänge wie «Heimat und Fremde», «Glück & Schicksal» und demnächst auch «Migration & Flucht». Die Ausstellung solle informativ und unterhaltsam sein. Zudem bieten sich laut Brunner viele Möglichkeiten an, das Themenfeld mittels Lesungen, Diskussionsabenden, Fachreferaten, musikalischen und kulinarischen Veranstaltungen aufzugreifen.  

Auf drei Stockwerke erstreckt

Danach waren die Besucher eingeladen, sich selbst ein Bild von der Ausstellung zu machen. Die sich auf drei Stockwerke erstreckt mit der thematischen Dauerausstellung im Parterre und 1. Obergeschoss inklusive einer originalgetreuen Schiffskabine und einer Sonderausstellung im 2. Obergeschoss. So erfährt man, dass 20 Prozent der Auswanderer auf Ellis Island in New York wegen Krankheiten zuerst in Quarantäne mussten. Nicht wenige der von ihren Schweizer Heimatgemeinden Abgeschobenen mussten gleich wieder nach Hause. 12 Millionen Menschen wanderten so zwischen 1892-1954 über Ellis Island nach Amerika ein. Rund 20 Prozent kehrten später der «Neuen Welt» den Rücken.

Der Kaltbrunner Zeichner

Karolina Brader, eine Benediktiner Schwester aus Kaltbrunn war unter den Migranten. Sie liess sich 1888 mit sechs Mitschwestern in Ecuador nieder und gründete eine Missionsgemeinschaft. Diese baute mit Hilfe von Spenden aus der Schweiz Spitäler, Schulen und Sportzentren auf.  Die Sonderausstellung ist dem ausgewanderten Kaltbrunner Zeichner Ferdinand, Arnold Bader gewidmet.

Er war in Amerika um 1880 als Wandermaler unterwegs und zeichnete Bauernhöfe und Fabrikanlagen als Auftragsarbeiten. Damals gab es noch keine Fotografie. Die Bilder von Bader wurden später durch ein Kunstmuseum in Ohio angekauft und in einer grossen Retrospektive ausgestellt. Für Kaltbrunn und die Ausstellung sei es ein Glückstreffer, einen so bekannten Künstler unter den Emigranten zu haben, so Brunner.

Zweiter Höhepunkt des Anlasses

Als weiterer Höhepunkt des Anlasses wurde von Peter Brunner, Präsident der Kulturkommission Kaltbrunn, ein neues Kunstwerk, nämlich eine kunstvoll bemalte Stele des einheimischen Kunstschaffenden Peter Kuyper enthüllt und eingeweiht. Es sei das achte Werk innerhalb des «KunstPfadKaltbrunns» und passe perfekt zum «Reisebüro Linth».

Peter Kuyper, selbst ein Aus- und Einwanderer, erklärte, wie er die Ausstellungsthematik aufgenommen und in seinem Werk «Hier und Dort» umgesetzt hat. Am Bug und Heck eines Schiffes hat es jeweils eine rote oder eine grüne Fahne als Navigationshilfe. Diese Farben habe er übernommen und mit Farbpunkten als Morsezeichen ergänzt. Eine Schiffsfahrt gehe von hier nach dort, erklärte Kuyper, deshalb habe er diesen Namen für sein Werk gewählt.  Brunner betonte die Ausgewogenheit und Harmonie der Geometrie und Farben des Kunstwerkes. Das Werk strahle eine erstaunliche Frische aus.

Weitere Infos: www.reisebuero-linth.ch

Reisebüro Linth