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Lifestyle
13.01.2022
13.01.2022 11:22 Uhr

Isolation, Quarantäne und Contact Tracing werden in Realität vernachlässigt

Wer positiv getestet wurde, musste zehn Tage in Isolation bleiben und konnte «blaumachen», falls man nicht krank wurde; seit heute bleiben dafür nur noch fünf Tage.
Wer positiv getestet wurde, musste zehn Tage in Isolation bleiben und konnte «blaumachen», falls man nicht krank wurde; seit heute bleiben dafür nur noch fünf Tage. Bild: Keystone
Der Entscheid des Bundesrates, die Isolations- und Quarantänezeit zu verkürzen, vollzieht höchstens das, was in der Praxis meist üblich ist. Denn die Massnahmen, die bei Isolation, Quarantäne und Contact Tracing vorgegeben sind, werden in der Realität oft unterlaufen.

Die Isolations- und Quarantänezeit wird von zehn auf fünf Tage verkürzt. Das hat der Bundesrat gestern entschieden. Dies war von allen Seiten erwartet worden. Alles andere wäre auch unlogisch und kontraproduktiv gewesen. Denn der Entscheid wurde längst von der Realität überholt, wie allgemeine Erfahrungen nahe legen.

Denn inzwischen haben so ziemlich alle ihre Erfahrungen mit der Pandemie gemacht. Nicht-Betroffene gibts so gut wie nicht mehr. In den vergangenen zwei Jahren hatte zwar jeder und jede irgendjemanden irgendwoher gekannt, der erkrankt oder zumindest infiziert ist. Doch heute ist das grundlegend anders: Wer noch nicht coronapositiv getestet wurde, wird es demnächst sein, und zwar völlig unabhängig davon, ob ungeimpft, geimpft oder gar geboostert – spätestens vor dem Omikron-Virus sind alle gleich.

Theorie und Praxis liegen weit auseinander – zum Glück

Anders kann es bei diesen jeweils Zehntausenden von Ansteckungen täglich auch statistisch gesehen gar nicht sein. Auch wenn sich unter diesen Fällen immer mal wieder tragische Einzelschicksale befinden, ist dies eigentlich eine gute Nachricht. Die Durchseuchung, die man sich seit Beginn der Pandemie eigentlich wünschte, die man sich aber nicht zuzulassen traute, ist nun in vollem Gange, ob gewollt oder nicht. Sie lässt sich schlicht nicht mehr aufhalten, weder durch strikte Hygienemassnahmen noch harten Lockdown. Das haben inzwischen auch die Behörden eingesehen. Ihr aktuelles (Nicht-) Handeln mag einerseits realitätsnah sein, kommt teilweise aber auch einer Resignation gleich.

Schadenfreude bringt jedoch nichts. Die Verantwortlichen haben schliesslich lediglich versucht, die Pandemie irgendwie in den Griff zu bekommen. Wichtige Instrumente waren dabei Isolation, Quarantäne und Contact Tracing. Diese Konzepte waren bis anhin wohl gar sinnvoll und mögen theoretisch immer noch Sinn machen, in der Praxis sind sie aber oft nur Makulatur. Ist das schlimm? Nein, sie ist überlebenswichtig – für die Wirtschaft wie die Gesellschaft, um nicht vollständig zu kollabieren. Im Alltag ist nämlich seit wenigen Wochen die Tendenz auszumachen, dass alle drei Massnahmen nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden. Spielen wir mal einen Fall durch, wenn jemand positiv getestet wird:

Eigentlich müsste man alle «Nahestehenden» outen

Die SMS des Kantons mit der Aufforderung, sich zu isolieren, kommt prompt. Per Link wird sogar schon das «Genesen-Zertifikat» geliefert, gültig in zehn Tagen. Dann aber beginnt es zu hapern. Denn man sollte alle Personen angeben, mit denen man in den vergangenen 14 Tagen länger als eine Viertelstunde, näher als eineinhalb Meter und ohne Maske zusammen war.

Es darf davon ausgegangen werden, dass dies die Allerwenigsten konsequent machen. Erstens, weil man sich nicht mehr an alle erinnern kann; zweitens, weil man diese Personen nicht in die Bredouille bringen will. Denn mit einer Nennung würden diese ihrerseits wieder in die bisher zehntägige Quarantäne verbannt. Also belässt man es einfach bei einer persönlichen Warnung an die wortwörtlich «Nahestehenden». Das scheint auch zu genügen, die nachfragende, freundliche, aber etwas unsichere Frau vom kantonalen Contact Tracing störte sich jedenfalls nicht an den leeren Zeilen.

Contact Tracing-App wird bewusst nicht aktiviert

Ähnlich stiefmütterlich behandelt wird übrigens auch die Contact Tracing- App «SwissCovid», nicht zu verwechseln mit der App «Covid Zertifikat». SwissCovid wurde freiwillig installiert, damit sich die in der Nähe befindenden Smartphones gegenseitig verbinden und warnen können. Wer davon ausgeht, dass die Behörden die App aktivieren, falls man positiv getestet wurde, irrt. Auch diesen Schritt muss der einzelne Smartphone-Besitzer aktiv vornehmen. Und die meisten dürften genau deshalb davon absehen, um nicht noch mehr und erst noch unbekannte Menschen in die eigene «Krankheitsgeschichte» zu involvieren.

Vielleicht ist genau diese schlechte Umsetzung die Lösung

Würden also die Instrumente Isolation, Quarantäne und Contact Tracing tatsächlich konsequent umgesetzt, wäre längst die halbe, ja vielleicht ganze Schweiz lahmgelegt. Und genau das will niemand. Die milde, aber sehr ansteckende Omikron-Variante könnte in dieser Pandemie also – rein zufällig – aus der Sackgasse führen. Man darf ja auch mal Glück haben im Leben …

Dieser Artikel beruht nicht auf offiziellen Quellen, sondern auf persönlichen Erfahrungen des Autors.

Positiver Test wird mit Krankheit gleichgesetzt 

Eine weitere Ungereimtheit zwischen Theorie und Praxis offenbart sich bei der Isolation von positiv Getesteten. Diese gelten nämlich von vornherein als krank, egal ob sich Symptome zeigen oder nicht. Das heisst: Wer sich bei positivem Befund, aber ohne jegliche Beschwerden, zehn Tage in Isolation befindet, kann diese Zeit problemlos «blaumachen» . Die zugeschickte offizielle Bestätigung genügt, ein Arztzeugnis ist nicht nötig,um den Arbeitgeber vom «Kranksein» zu überzeugen. Diese günstige Gelegenheit dürften sich etliche zunutze gemacht haben oder noch machen. Rechtlich wird sie dafür niemand belangen können. Allerdings dürfte dieses Verhalten ethisch den Rechten und Pflichten eines Arbeitnehmenden zuwiderlaufen oder zumindest gegen Treu und Glauben verstossen. Es darf aber auch davon ausgegangen werden, dass sich viele verantwortungsbewusste Angestellte dennoch an die Arbeit machen, zumindest wenn dies dank Homeoffice möglich ist. 

Andreas Knobel, Redaktion March24 & Höfe24