Home Region Sport Agenda In-/Ausland Magazin
Kanton
06.12.2021

Zwei Brüder werden als Schläger beschuldigt – Sie erinnern sich an nichts

Das Strafgericht Schwyz
Das Strafgericht Schwyz Bild: Keystone
Das Strafgericht spricht zwei Innerschwyzer vom Vorwurf der schweren Körperverletzung frei.

In der Nacht vom 23. Februar 2019 kam es an einem Fasnachtsball in Küssnacht zu einer Schlägerei. Zwei Sicherheitsangestellte wurden dabei verletzt, einer davon durch heftige Fusstritte gegen den Kopf, den Hals und im Brustbereich schwer. Er landete auf der Intensivstation des Spitals und leidet heute noch an den Folgen der erlittenen Schläge.

Zwei Brüder gerieten in den Fokus der Ermittlungen

Am Morgen danach erwachten zwei Brüder (heute 33- und 26-jährig) in der Wohnung des älteren mit Schmerzen, Prellverletzungen und Schürfwunden. Sie hatten den Fasnachtsball besucht, konnten sich aber nur noch daran erinnern, dass sie reichlich Alkohol getrunken hatten. Was dann passiert war, wussten sie nicht mehr: Filmriss.

Einer der beiden erkundigte sich bei einer Kollegin. Er wollte wissen, ob sie zusammengeschlagen worden seien. Schon bald meldete sich der Sicherheitsdienstchef und erzählte, dass zwei seiner Leute brutal zusammengeschlagen worden seien und einer auf der Intensivstation liege. Die beiden Brüder gerieten so in den Fokus der polizeilichen Ermittlungen.

Freiheitsstrafe von 36 Monaten gefordert

Am Freitag standen die beiden Innerschwyzer Brüder als Beschuldigte vor dem Strafgericht. Der Staatsanwalt klagte die Schweizer wegen schwerer Körperverletzung, einfacher Körperverletzung, eventualiter des Angriffs an und verlangte für beide eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten. Zwölf Monate davon müssten die beiden, die als Mittäter gehandelt hätten, absitzen, 24 Monate seien bedingt auf drei Jahre auszusprechen.

Unglaubliche Brutalität

Weil ein Sicherheitsmann nach einer kurzen Rangelei des jüngeren Bruders mit einem Fasnächtler eingeschritten sei und diesen zu Boden gedrückt habe, sei der ältere auf den Sicherheitsmann losgegangen. Darauf hätten beide Brüder mehrmals mit voller Wucht mit dem Fuss «wie auf einen Fussball» gegen den Kopf-/Halsund Schulterbereich des bewusstlos am Boden liegenden Sicherheitsmannes eingeschlagen. Auch ein zweiter Sicherheitsmann wurde verletzt. Zeugen erzählten, die beiden Täter seien wie in einem Blutrausch gewesen. Sie hätten noch nie eine derartige Brutalität gesehen. Dann hätten beide in Drohgebärde auf weitere Sicherheitsleute gewartet und diese aufgefordert, weiterzukämpfen. Die Strafuntersuchung habe zweifelsfrei ergeben, dass die Brüder die Täter gewesen seien. Die Behauptung der beiden, sie hätten einen Filmriss erlitten und könnten sich an nichts mehr erinnern, klassifizierte der Staatsanwalt als Schutzbehauptung. Zeugen hätten ausgesagt, die beiden seien zwar alkoholisiert, aber nicht besoffen gewesen. Zudem hätten beide am anderen Tag nicht über einen Kater geklagt.

Der Rechtsvertreter des Schwerverletzten verlangte Schadenersatz in noch unbestimmter Höhe und eine Genugtuung von 20 000 Franken. Sein Mandant leide heute noch darunter, seither auch an Tinnitus. Der zweite Verletzte forderte nebst Schadenersatz eine Genugtuung von 2000 Franken.

Verteidiger fordert Freispruch

«Es wird nie klar sein, was wirklich passiert ist» Die Verteidiger der Brüder forderten Freisprüche. Die Anklage stütze sich einzig auf die Zeugenaussagen. Kein Zeuge aber habe die Brüder persönlich gekannt und eindeutig als Täter erkannt. Zudem seien etliche Zeugenaussagen widersprüchlich. Zum Verfahren sei es erst gekommen, weil sie sich selbst erkundigt hatten, ob sie zusammengeschlagen worden seien. Darauf seien sie als Täter gebrandmarkt worden. Es gäbe auch keine Hinweise darauf, dass die Brüder Angriffsverletzungen aufwiesen. Lediglich Abwehrverletzungen seien festgestellt worden. Zudem sei der Sicherheitsmann nicht schwer verletzt worden. Die Verteidiger bezweifelten, dass dieser bleibende Schäden aufweise. Ärztliche Berichte liessen zumindest nicht darauf schliessen. «Es wird nie klar sein, was in dieser Nacht genau passiert ist», sagte ein Verteidiger.

«Wir gehen solchen Sachen jeweils aus dem Weg»

«Das passt nicht zu uns, wir sind nicht gewalttätig. Wir waren schockiert, als wir hörten, was wir getan haben sollten. Wir waren noch nie in solche gewalttätigen Auseinandersetzungen verwickelt. Wir gehen solchen Sachen jeweils aus dem Weg», sagte einer der Brüder dem Gericht. Beide sind gut ausgebildet und nicht vorbestraft. Am Strafgericht waren sie ruhig und sehr freundlich.

Indizien für eine Beteiligung, aber auch viele Zweifel

Das Strafgericht sprach die Brüder von Schuld und Strafe frei. Es gäbe Indizien für eine Beteiligung der beiden am Vorfall, aber auch viele Zweifel an deren Schuld. Sie seien sehr früh in den Fokus der Ermittlungen geraten. Die Polizei habe hierauf nur gegen sie ermittelt. Diese Ermittlungen hätten einige Unklarheiten offen gelassen. So gehe aus den Zeugenaussagen nicht klar hervor, wer was gemacht haben soll. Als entlastend wertete das Gericht die Erkundigung eines Bruders nach dem Vorfall. «Ein Täter hätte keinen Grund gehabt, sich nach der Tat nach dem Vorgefallenen zu erkundigen», sagte Gerichtsvizepräsidentin Sandra Rieder.

Ruggero Vercellone, freier Mitarbeiter