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Wollerau
02.12.2021
02.12.2021 10:48 Uhr

Bauen ohne Hindernis

Eine zu niedrige Bordsteinkante erschwert handicapierten Menschen den Einstieg in den Bus.
Eine zu niedrige Bordsteinkante erschwert handicapierten Menschen den Einstieg in den Bus. Bild: Franziska Kohler
Dass eine Treppe für einen Rollstuhl ein Hindernis darstellt, ist offensichtlich. Doch auch kleine Details, wie Podeste vor einer Parkuhr oder eine zu niedrige Bordsteinkante an einer Bushaltestelle können Menschen im Rollstuhl das selbstständige Leben erschweren.

Morgen, am 3. Dezember, ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen. Dieser von den Vereinten Nationen ausgerufene Gedenk- und Aktionstag soll das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderungen wachhalten – mit dem Ziel, die Würde, Rechte und das Wohlergehen dieser Personen zu fördern.

Wo sich Hindernisse, aber auch positive Beispiele verbergen, fördert ein Rundgang mit dem Architekten Frank Heinrich und Irene Weber-Hallauer durch Wollerau zutage. Grundsätzlich wäre ein solcher Rundgang durch jede Gemeinde möglich – die Wahl erfolgte eher zufällig.

Frank Heinrich und Irene Weber Bild: Franziska Kohler

Frank Heinrich macht im Auftrag von Procap March-Höfe sogenannte Bauberatungen. Procap ist eine gemeinnützige Organisation für Menschen mit Beeinträchtigungen. Heinrich berät beispielsweise Menschen, die neu auf einen Rollstuhl angewiesen sind, beim Wohnungsumbau.

Irene Weber ist regionale Geschäftsführerin von Procap March-Höfe und kennt sich mit den konkreten Anliegen von Menschen mit Beeinträchtigungen aus.

Höher als 3 cm ist ein Problem

Die Parkuhr auf dem oberen Deck des Parkhauses bei der Gemeindeverwaltung Wollerau steht auf einem Sockel – rund sechs Zentimeter misst der Randstein. «Das wäre für eine Person im Rollstuhl zu hoch», erklärt Frank Heinrich und klappt den Zollstock zu. «Alles über drei Zentimeter Höhe ist ein Problem.»

Die Parkuhr wäre eigentlich günstig gelegen – sie befindet sich gleich gegenüber von einem Behindertenparkplatz. Allerdings ist es so für eine Person im Rollstuhl unmöglich, an die Tastatur zu kommen oder die Angaben auf dem Display zu lesen. Die meisten Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer sitzen auf einer Höhe von 47 Zentimeter.

Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer müssen stets bereit sein, sich nach Alternativen umzusehen. Dies erfordert Umsicht und vorausschauende Planung.

Vorbereitung tut Not

Dem kann Hubert Bamert aus Tuggen zustimmen. Der Familienvater ist seit einem Sportunfall vor 32 Jahren Tetraplegiker und auf den Rollstuhl angewiesen. Er arbeitet als Sachbearbeiter in einer Firma im landwirtschaftlichen Bereich, rund die Hälfte seiner Arbeitszeit von Zuhause aus.

Meistens ist er mit dem Auto unterwegs – was an seinem Wohnort liege. «Wenn ich etwas ausser Haus erledigen muss, plane ich dies sorgfältig im Voraus», erklärt er im Telefongespräch. So klärt er zum Beispiel ab, ob ein Gebäude mit dem Rollstuhl zugänglich ist, ob in der Nähe behindertengerechte Parkplätze verfügbar sind.

Die meisten Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer sitzen auf einer Höhe von 47 Zentimeter. Und so ist diese Parkuhr zu hoch, um das Display zu sehen oder an die Tastatur zu kommen. Bild: Franziska Kohler

Das Problem mit der Parkuhr kennt er nur zu gut. Mit einer Parking- App zu bezahlen ist für ihn keine Alternative – wegen seines Handicaps ist auch die Motorik seiner Finger eingeschränkt. Er regt darum an, dass Parkieren für Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer gratis sein soll.

Einstieg braucht genug Platz

Auch die Bushaltestelle erweist sich als unerwartetes Hindernis. «Der Platz ist zu knapp bemessen», führt Frank Heinrich aus. Zum einen seien die Randsteine hier zu niedrig, sie messen nur acht Zentimeter in der Höhe.

Um einen selbstständigen Zugang in den Bus zu gewähren, müssten es 22 Zentimeter sein. Um mit Hilfe des Bus-Chauffeurs und einer Klapprampe in den Bus zu gelangen, wären immer noch mindestens 16 Zentimeter Randsteinhöhe von Nöten.

Nächste Haltestelle mit barrierefreiem Zugang befindet sich in Samstagern

Eine Person im Rollstuhl braucht zudem mindestens 240 Zentimeter Trottoir-Breite, um auszuholen und ohne Hilfe auf die Rampe fahren zu können. Die Breite vom Randstein bis zur Mauer hinter der Bushaltestelle misst 240 Zentimeter. «Das ginge noch ganz knapp», so Heinrich.

Anders an der Haltestelle auf der gegenüberliegenden Seite. Dort trennen nur 190 Zentimeter den Bordsteinrand von der dahinterliegenden Mauer. Für Rollstühle unmöglich. «Die nächste Haltestelle, die einen barrierefreien Zugang in diese Fahrtrichtung ermöglicht, befindet sich in Samstagern», ergänzt Heinrich lakonisch.

Franziska Kohler, Redaktion March24 & Höfe24